Good Bye 2015 oder Chemnitz im Schnee, 21./22. November 2015

Plätzchen

Da hat man sich gerade an das Jahr 2015 gewöhnt … und dann ist das letzte Seminar für dieses Jahr auch schon vorüber. Schön war es, dank Gregor, der mal wieder viele kleine Anstöße und Augenöffner dabei hatte, die einen kleinen Schritt weiterhelfen.

Für die meisten war es wohl eines der wenigen anstrengenden Seminare in diesem Jahr, denn auch der KU-Teil war ja weniger chillig als sonst. Dafür dürfte sich der sonst gelegentlich zu erwartende information overload nicht eingestellt haben. Immerhin zwei Bissen mehr von den Weihnachtsfressereien lassen sich so wohl legitimieren.

Gruppenbild des ersten Seminars mit Gregor Kurfer als BJJ-Schwarzgurt ;-)
Gruppenbild des ersten Seminars mit Gregor Kurfer als BJJ-Schwarzgurt 😉

Der Blick zurück auf das Seminarjahr, lässt kurz innehalten, Gesichter ziehen vorüber – alte und junge, vertraute und lieb gewonnene, kaum mehr wegzudenkende, aber auch (überraschend) neue oder anders sich darstellende; solche die in diesem Jahr eher selten real gesichtet wurden, solche die trotzdem auftauchen und auch wenn sie nicht da sind, einfach dazu gehören. Zu einigen Gesichtern gibt es Geschichten, solche die in diesem Jahr eine unerwartete Wendung genommen haben, auf einen Höhepunkt zusteuerten oder ihn erreicht haben, aber auch solche, die gerade zum Durchhalten zwingen, die die Gesichter müde aussehen lassen, angestrengt, kraftlos, auf der Suche nach Energie oder manchmal auch einfach (trotzdem) lachend. Die große Frage nach dem Sinn, nach der Zukunft, die fast so große Frage nach der eigenen Zufriedenheit mit dem Hier-und-Jetzt (oder ist das eigentlich andersrum?), der Job, Privates, der organisatorische Teil des eigenen dojo, manchmal auch die langsame Einsicht oder plötzliche Erkenntnis, dass noch sooo viel zu tun ist – all dies und noch mehr ist auf den Gesichtern zu sehen …

Eines von vielen Problemen herkömmlichen Unterrichts, besteht oft darin, dass Sekundäres, Stellvertretendes, Zeichen, Kategorien, Symbole, Worte, Skizzen, Kalküle, Theoriegebäude und Wissensbrocken einen großen Stellenwert einnehmen, zum Gegenstand gemacht werden, zum Ersatzgegenstand, zum Selbstzweck mutieren. Das Versmaß, das wichtiger wird als das Gedicht, die botanische Bezeichnung und Kategorisierung, die wichtiger wird als die Pflanze, die physikalische Gleichung (das Brechungsgesetz), die die Erscheinung (den Regenbogen) ausschaltet … Ein wenig vereinfacht – aber nicht wirklich falsch – ist wohl die Vermutung, dass hier die Sache nicht ernst genommen wird, einfach so oder weil das anfängliche Interesse an der Sache zu einem Interesse an der Zerlegung, Einordnung, begrifflichen Fassung verkommt und nicht erkannt wird, dass zur Sache etwas ge(macht)worden ist, das man zurecht nicht ernst nehmen kann und dass all dies auf den sich mit der (scheinbaren) Sache Auseinandersetzenden zurückwirkt.

An diesem Seminar-Sonntag hat die Aufforderung genügt, sich doch bitte im Hier-und-Jetzt ernst zu nehmen und die kata eben hier und jetzt zu laufen, um die Performanz der ca. 20 fast ausschließlich mudansha, deutlich zu steigern – um das mal in Neudeutsch zu sagen. Warum ist das so? Warum ist es einerseits notwendig, diese Bemerkung zu machen? Warum hilft diese Bemerkung andererseits so durchschlagend weiter? Und warum kommt man als Beobachter nicht umhin zu bemerken, dass all die beschriebenen Gesichter sich entspannen, die Geschichten unsichtbarer werden – für eine kurze aber deutliche Zeit, vielleicht auch nur einen Moment?

Vielleicht ist es die geringere Distanz zwischen dem Medium und der Sache, der Übung und dem/der Übenden, der direktere Kontakt, die ganze personale Involviertheit – mit allem was wir (nicht) sind oder sein wollen können, die es ermöglicht aufzugehen in dieser Übung. Geht das nur mit Karate? Ganz sicher nicht, aber dennoch stimmt es mich ein wenig versöhnlich, dass es (auch mit Karate) in dieser Gruppe geht, dass es gelingt, die Übung nicht zum Stellvertreter werden zu lassen, sondern den direkten Kontakt zur Erscheinung zu erhalten und so ein Phänomen entstehen zu lassen.

Versöhnlich hat es mich gestimmt, weil mir (einmal mehr) klar wurde, dass wir unterwegs sind, weil deutliche Anzeichen dafür existieren, dass wir nicht auf der Stelle treten, weil es Fort- oder Hinschritte gibt, weil ein Jahr Arbeit uns/euch als Übende bewegt hat, weil es unerwartete Sprünge gab und das tägliche Schleifen, weil beides nicht in luftleerem Raum, sondern in  Wechselwirkung mit den Anderen geschieht, weil sich Tandems oder Arbeitsgruppen bilden – wissentlich und unwissentlich.

Ich bin dankbar für die gemeinsamen Stunden/Tage/Wochen, das Gemecker, das gemeinsame Lachen, die Beschwerden und Diskussionen, Offenheit und Ehrlichkeit, (nachträglichen) Offenbarungen, Forderungen, Anregungen, Tritte und Schläge, Würgen und Hebel, Würfe und Takedowns, Einsichten und (durch Zurückhaltung oder auch das Gegenteil erzwungene) Bewegungen und wünsche uns, dass 2016 für uns alle Herausforderungen bereit hält, die uns in Kontakt bringen mit den wichtigen Dingen des Lebens.

*** 道無限 ***

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