Shochu Geiko 2017 – Frauensee mit bfo

Ich mochte das Akronym schon von Anfang an, seit McCarthy sensei es mir vor über 15 Jahren das erste mal an den Kopf warf: bfo – blinding flash(es) of the obvious, blendende(r) Blitz(e) des Offensichtlichen.  BFO – ich fand daran gefallen, nicht nur weil es eine eigene Ästhetik aufweist dieses dreibuchstabige Schlagwort, das irgendwie an BYO (bring your own (alcohol)) Restaurants erinnert, sondern vor allem weil es nicht nur die Erfahrung der plötzlichen Einsicht, sondern auch die Nebenerscheinung des Geblendetseins durch die Einsicht in einem Abwasch erledigt und damit zwei Seiten der Medaille gleichzeitig erfasst.

Im Laufe der Jahre gab es mehrere bfo für mich – kleinere und größere. Der wohl eindrücklichste war die Einsicht und Erfahrung, dass die Körperbewegung des „typischen Karate“ völlig sinnfrei sind und dass mit Ihnen eine Geisteshaltung einhergeht, die mir immer fremd war, was ich leider damals aus Unachtsamkeit noch nicht verbalisieren konnte. Die Erfahrung, dass es auch anders geht, harmonischer, dynamischer, energetischer, natürlicher, war mit Sicherheit einer der Schlüsselmomente in meinem Kampfkunstleben und bedeutete gleichzeitig eine Weichenstellung, die ein Zurück als Option definitiv ausschloss. I robot – no more …

Das Interessante an diesen bfo ist, dass sie mehr oder weniger aufweckend, erlösend, belastend, bestärkend etc. sein können – wohl abhängig davon, wie groß die durch den bfo überbrückte Lücke zwischen Davor und Danach ausfällt. Außerdem gibt es sie auf ganz verschiedenen Abstraktionsebenen – eine ganz konkrete Technik, ein ganz konkretes Gefühl oder die Einsicht in ein konzeptionelles, das Wissensgebäude umstrukturierendes allgemeineres Ordnungsprinzip. In diesem Sommercamp betraf der bfo so ein umstrukturierendes Allgemeineres und fiel die Lücke klein aus, so klein, dass ich mich ärgere, nicht schon da gewesen zu sein, wo mich der bfo hinbeförderte, gerade weil die Richtung sich (im Nachhinein) deutlich abzeichnete. Aber dennoch es war ein bfo, der erste über den ich nicht nur glücklich bin – komisches Gefühl. Vielleicht ist es das wonach die Bildungsverfechter suchen, Momente, Erlebnisse, Erfahrungen, Einsichten, die das Verhältnis zwischen Ich und Welt (bzw. Gegenstand, in diesem Fall Kampfkunst) verändern. Insofern war dieses Sommercamp bildend, transformierend, in jedem Fall aber eindrücklich und sehr lehrreich. Normalerweise sollte das wohl eine durchweg positive Erfahrung sein – das wird wohl noch werden … Worum es genau ging ist eigentlich egal, aber es betraf die Rolle von „Referenzpositionen“ im Rahmen eines auf SV angelegten Curriculums.

Zu verdanken habe ich diesen bfo Borut Kincl Sensei, der vor seinem Hintergrund von FMA (filipino martial arts), karate, grappling und Kickboxen und der Tätigkeit als Ausbilder verschiedener Spezialeinheiten über Wissen und Fähigkeiten verfügt, die in Breite, Tiefe und Anwendungsfähigkeit meiner Erfahrung nach äußerst selten in einer Person zu finden sind. Ergänzt durch ein erstaunliches Repertoire an Trainingsmethoden, seine umgängliche Persönlichkeit, das Ausbleiben von Höhenflügen, anhaltende eigene Übung und dem ehrlichen Interesse, die Gruppe von Lernenden mit denen er arbeitet ein Stück voranzubringen, macht ihn das zu einem der beeindruckendsten, ja herausragendsten Kampfkünstler und Kampfkunstlehrer, die mir bisher über den Weg gelaufen sind. Es wird ganz sicher nicht das letzte mal gewesen sein, dass ich eine Lerngelegenheit mit ihm wahrnehme oder herstelle.

Es war das erste Sommercamp mit einem externen Lehrer, eine Entscheidung, die ich mir nicht leicht gefallen ist, denn das Sommercamp dient in der Regel dazu, die Basics auf Vordermann zu bringen und dafür zu sorgen, dass wir deutschlandweit einen einheitlichen Standard haben, an dem wir uns orientieren können. Gleichzeitig, bot das Sommercamp den geeigneten Rahmen, um die Entwicklungspotenziale, die es im KU Germany gibt erfahrbarer zu machen. Welche Konsequenzen diese Erfahrung für uns haben wird, bleibt abzuwarten und wird zu diskutieren sein, aber mit Nachwirkungen ist sicher zu rechnen. Insofern ist es schade, dass nicht alle „VerantwortungsträgerInnen“ teilnehmen konnten, aber es wird sich sicher eine zweite Gelegenheit finden …

Auch wenn das Sommercamp dadurch ein wenig zerrissen war und ganz anders anstrengend als die Jahre zuvor, war es doch auch in diesem Jahr, die wichtigste und so weit ich sehen kann lehrreichste KU Veranstaltung in Deutschland. Immerhin haben wir es durch das nyumon-Programm geschafft (Danke, Dinah!), wie immer ein wenig geboxt (Danke, Jannik!) und sind am Boden rumgerollt, haben die koryu nicho kama kata angerissen und ein paar Parallelen und Unterschiede zu den FMA herausgestellt, den bo geschwungen, eine Wassereinheit (Danke, Dinah!) absolviert und allmorgendlich etwas für unsere Sensitivität getan (Danke, Felix!).

Ansonsten alles wie immer – Kiefern im Wind, Sonne, Sand und Dreck am ganzen Körper, Frauenseewasser, der allabendliche Genuss einer Dusche, die mehr oder weniger intensiven Gespräche am Abend und zwischendurch, der Klang der Gitarre, viel zu wenig Schlaf usw. Diesjährige Neuheiten betreffen meinen vorübergehenden inzwischen völlig hinfälligen Spitznamen – Hamster, nur weil ich ein wenig aufgedunsen aussah (schon viel besser als noch ein paar Tage zuvor!) und die diesjährige Camphymne, die allmorgendlich quer durch Camp 1 quakte. Technik ist eben doch ein zweischneidiges Schwert – Fortschritt in allen Ehren, aber Missbrauch auch eines Laut(!)sprechers sollte verboten werden. Als ob der eingebaute Verstärker Autorität oder Disziplin erzeugen könnte, er verdeckt nur das (wohl begründete?) Fehlen derselben.

Aufstehen ist schön || Wer sagt das || Aufstehen ist schön || Und heimlich die Familie noch schlafen sehen
Aufstehen ist schön || Wer sagt das || Aufstehen ist schön || Und der liebste Klang der Welt das ist für mich: Wenn der Wecker schellt

– Johanna von Koczian, irgendwann im letzten Jahrhundert

P.S.: BTW, save the date:  KU Germany shochu geiko 2018 — July, 28 – August, 5

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