{"id":944,"date":"2014-06-02T17:03:40","date_gmt":"2014-06-02T15:03:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ku-germany.de\/wordpress\/index.php\/?p=944"},"modified":"2014-06-12T16:12:34","modified_gmt":"2014-06-12T14:12:34","slug":"karate-und-selbstverteidigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ku-germany.de\/wordpress\/?p=944","title":{"rendered":"Karate und Selbstverteidigung"},"content":{"rendered":"<p>Das Folgende ist weder vollst\u00e4ndig, noch sonderlich gut strukturiert oder gewichtet. Insbesondere ist es keineswegs der Versuch, dem Thema SV in Theorie oder Praxis gerecht zu werden. Es ist lediglich die bloggende Verschriftlichung einiger Gedanken, die streitbar sind, \u00fcber die zu streiten sich aus meiner Sicht jedoch lohnt, wenn die Beziehung zwischen Selbstverteidigung (SV) und Karated\u00f4 zur Diskussion steht &#8230; <!--more-->Entstanden ist dieser Eintrag\u00a0aus Anlass eines Seminares in <strong>G\u00e4rtringen am 3.\/4. Mai 2014<\/strong>. Vielen Dank f\u00fcr die gemeinsamen Stunden in der Halle, auf der Matte, auf der Wiese und am Grill!<\/p>\n<p>Irgendwie naheliegend Karate und Selbstverteidigung in einem Atemzug zu gebrauchen. Aber wie ist das mit dem Verh\u00e4ltnis dieser beiden Begriffe was hat SV mit Karate zu tun? Wie verh\u00e4lt sich (mein) Karate zu Selbstverteidigung? Welchen Ort hat das Thema SV in meiner Karate-\u00dcbung? Welchen Platz sollte es haben? Solche und \u00e4hnliche Fragen sind es, die sich einem\/r stellen k\u00f6nnten &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Perspektive 1: Wer Karate als SV versteht, missversteht Karate (zum Teil).<\/strong><\/p>\n<p>Karate, die Techniken und Anwendungen, die mit den klassischen kata \u00fcberliefert worden sind und werden, nicht die minimalistische Einschr\u00e4nkung auf das, was heute als Sportkarate betrieben wird, enthalten Prinzipien und Verteidigungstechniken gegen Angriffe, die einem\/r in SV-Situationen \u00fcber den Weg laufen k\u00f6nnen. Gegen diese Angriffe (W\u00fcrgen, Umklammerungen, Haare ziehen, Schwitzkasten, Schl\u00e4ge, insbesondere Schwinger, Tritte etc. \u2013 im Stand und oder auf dem Boden) enthalten die klassischen kata mehr oder weniger stilisierte, einem \u00e4sthetischen Ideal unterworfene Solorepr\u00e4sentationen von Verteidigungsprinzipien oder \u2013techniken, die wiederum Hebel, W\u00fcrgen, W\u00fcrfe, Schl\u00e4ge und Tritte etc. beinhalten.<\/p>\n<p>Einwurf 1: Moment mal, was soll das denn f\u00fcr Karate sein? Wenn das die Frage ist, empfiehlt sich ein Besuch auf einem Seminar von Patrick McCarthy hanshi. (Ersatzweise und in Stichworten sei auf McCarthys kata evolution theory und seinen HAPV-Ansatz verwiesen.)<\/p>\n<p>Einwurf 2: Merkt der noch was? Das widerspricht doch seiner oben gew\u00e4hlten Perspektive. Guter Punkt. Weiterlesen!<\/p>\n<p>Die Analyse und Interpretation dieser kata, der Weg zu passenden Fragen, auf die in ihnen enthaltenen Antworten, ist ein akademisches, anspruchsvolles, kreatives Unternehmen, das zugleich mit der Notwendigkeit, zumindest aber Aufforderung einhergeht, die Entstehung und Entwicklung der karate beeinflussenden Gesellschaften, Kulturen, Pers\u00f6nlichkeiten etc. genauer zu betrachten. Wer aber glaubt, mit diesem Unternehmen allein auf brutale, hinterh\u00e4ltige, \u00fcberraschende SV-Situationen vorbereitet zu sein, der irrt. Und wer allein dieses Ziel verfolgt, der sollte seine Zeit nicht mit kata und karate verschwenden. Es gibt effektivere (das meint hier weniger \u00dcbungsaufwand, schnellerer Lernerfolg \u2013 gemessen an diesem verabsolutierten Ziel) Methoden, dieses Ziel zu erreichen. Eine M\u00f6glichkeit besteht darin, sich regelm\u00e4\u00dfig einer Kneipenpr\u00fcgelei auszusetzen. Eine andere M\u00f6glichkeit besteht darin, Trainingsbedingungen zu schaffen, die alles andere als sicher, weil eben realit\u00e4tsnahe (lies brutal, hinterh\u00e4ltig, etc) sind. Das wiederum stimmt nicht mit dem Bild von Karate \u00fcberein, das in den meisten K\u00f6pfen vorherrscht und auf die Arbeit am eigenen Sein, die Ausbildung gegenseitigen Vertrauens, das Entstehen einer \u00dcbungsgemeinschaft, die befl\u00fcgelt, unterst\u00fctzt, tr\u00e4gt, sch\u00fctzt etc. ausgerichtet ist. W\u00e4re Karate reines SV-Training, g\u00e4be es keinen dogi, keine reishiki, kein kihon, keine Solo-\u00fcbung, sondern einzig Partner-(und dieser Begriffe w\u00e4re dann schon irref\u00fchrend)\u00fcbungen und Equipmenttraining (Sandsack, Pratzen etc.). (Ein Nachtrag: Wer nicht einmal sieht das klassische kata Techniken transportieren, die durch \u00c4nderung der Trainingsmethoden (nicht der Techniken an sich) SV relevant werden k\u00f6nnen oder schon sind, der missversteht Karate noch deutlich umfassender.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Perspektive 2: Karate oder auch Karated\u00f4 ist eine (Weg)\u00dcbung, die als Kampfkunst das K\u00e4mpfen als Weg zum \u201eNicht-k\u00e4mpfen-m\u00fcssen\u201c w\u00e4hlt. <\/strong><\/p>\n<p>Diese Kampfkunst also ist beladen mit jeder Menge Mythos, ganz sicher nicht ideologiefrei und sicher auch nicht als etwas festes oder einheitliches definier- oder greifbar (jedenfalls nicht ohne die Essenz des zu fassenden zu verlieren). Als Weg\u00fcbung hat sie aber immer auch das Ziel psychische Dispostionen zu bearbeiten. Der oder die \u00dcbende will \u201ebesser\u201c werden \u2013 die Arbeit an sich selbst (zun\u00e4chst technisch im Training, bald aber menschlich und immer) wird zum eigentlichen Antrieb f\u00fcr die \u00dcbung. Das d\u00f4j\u00f4 oder die \u00dcbung werden exemplarisch f\u00fcr eine Grundhaltung, die sich in den Alltag fortsetzt. Die \u00dcbung wird zum Leben, das Leben ist die \u00dcbung. (vgl. Marx, 2010 f\u00fcr Gedanken in dieser Richtung)<\/p>\n<p>Was hat hier SV zu suchen. Friedfertigkeit, Freude, Liebe \u2013 all diese Werte sind mit SV wenig bis gar nicht vereinbar und dennoch handelt es sich aus Sicht des Kampfk\u00fcnstlers um eine dialektische Beziehung. Eine \u00dcbung, die das ausschlie\u00dfliche Ziel hat, SV-F\u00e4higkeit optimal zu erreichen und erhalten, ist ganz sicher keine Weg\u00fcbung, sie verdient auch den Namen KampfKUNST nicht, denn SV-Anwendungen (wir springen gleich in die Situation und lassen den relevanten(!) Vorspann\u00a0\u2013 Aufmerksamkeit, Vermeidung, Kommunikation und Deeskalation etc. au\u00dfen vor) erfordern Brutalit\u00e4t und maximale Einfachheit. Der R\u00fcckzug auf Friedfertigkeit und Liebe ist gef\u00e4hrlich, wenn es sich um eine SV-Situation handelt. Dass Liebe eine Quelle der Kraft sein kann, gerade auch in in einer SV-Situation, ist damit unbenommen. Und auch soll nicht gesagt sein, dass es keine Option w\u00e4re die Opferrolle bewusst in kauf zu nehmen. Allein, wer w\u00fcrde das jemanden lehren wollen? Ich jedenfalls nicht. Wenn jemand diese Rolle f\u00fcr sich dennoch f\u00fcr angemessen h\u00e4lt, dann ist das eine eigene (beachtliche oder dumme?) Entscheidung.<\/p>\n<p>SV erfordert auch einfach zu lernende und einfach anwendbare gro\u00dfmotorische Techniken, die auch unter Stress und mit deutlich erh\u00f6hter Herzfrequenz, eben im Zustand der Angst, noch funktionieren. Was bleibt da \u00fcbrig vom Repertoire einer Kampfkunst, vom Perfektionsstreben, dem kreativen Spiel mit Technik, K\u00f6rper und Geist? Jedenfalls nicht genug, um noch von einer Kunst zu sprechen.<\/p>\n<p>Daher <em>These 1: Ausschlie\u00dfliche SV-Orientierung verst\u00fcmmelt jede Kampfkunst und jeden Geist.<\/em><\/p>\n<p>SV erschafft aber gleichzeitig Situationen, in denen Geisteshaltungen wichtig und bewusst werden, die sonst nur Etikett f\u00fcr leere Beh\u00e4lter bleiben. Ruhe, Leere (mushin), Allgegenw\u00e4rtigkeit (fudoshin), der Fluss der Gedanken, nicht die passive Wahrnehmung oder Reflexion der Umwelt (des Mondes auf der Wasseroberfl\u00e4che), sondern das fl\u00fcssige Auftauchen und Abklingen der Gedanken, das eben ein kristallklares Bild der Umwelt entstehen l\u00e4sst (so wie der Mond auf der Wasseroberfl\u00e4che). Die fokussierte Pr\u00e4senz, das vollst\u00e4ndige Aufgehen in der (einen?) Technik. All das wird erst durch den SV-Aspekt im Training relevant im Sinne von notwendig und dadurch erlebbar(er). Eine \u00dcbung, die als Kampfkunst bezeichnet werden will, muss sich eben diesem Aspekt stellen und zwar nicht in abstrakter Formalisierung, sondern in dreckiger Konkretion. Das wiederum ist f\u00fcr die \u00dcbung als Weg\u00fcbung ziemlich egal. Auch das Staubsaugen oder Essen kochen kann zur Weg\u00fcbung (gemacht) werden. Aber die Verbindung zwischen Kampfkunst und Weg\u00fcbung ist intensiver, direkter, zwingender als die zwischen z.B. Staubsaugen und Weg\u00fcbung, eben aus den oben genannten Gr\u00fcnden. Dass Fortschritte auf der Ebene des Bewusstseins mit Kampfkunstexpertise vertr\u00e4glich ist, ja sogar symbiotisch einher gehen kann, l\u00e4sst sich insbesondere anhand der Zenliteratur belegen (exemplarisch sei wegen seiner Bekanntheit auf Musashi verwiesen). F\u00fcr die Transformation psychischer Zust\u00e4nde wirken SV-Aspekte in einer Kampfkunst sozusagen als Katalysator. Sie schaffen Notwendigkeit und unmittelbare Erlebbarkeit.<\/p>\n<p>Wie immer im Leben, ist es das Verh\u00e4ltnis der \u00dcbungszeiten die zum Erreichen miteinander konkurrierender Ziele aufgebracht werden, die dar\u00fcber entscheidet, welche Ziele wie schnell erreicht werden k\u00f6nnen. Diese Balance zu finden ist sicher eine der existentiellen Aufgaben jedes\/r Kampfk\u00fcnstlers\/in. (Und Balance bedeutet hier keineswegs Gleichheit und ist statisch nicht sinnvoll denkbar. Auch ist das daraus resultierende Ganze, die Gesamt\u00fcbung mit SV-Aspekten und anderen wegbezogenen Zielvorstellungen, mehr als die blo\u00dfe Summe ihrer Teile. Eben wegen der sich ergebenen Synergieeffekte.)<\/p>\n<p>Auch hier eine zusammenfassende <em>These 2: Der (weit gefasste) SV-Aspekt ist einer Weg\u00fcbung, die als Kampfkunst verstanden werden will, unweigerlich inh\u00e4rent und hat das Potenzial auch auf intendierte psychische Prozesse katalytisch zu wirken.<\/em><\/p>\n<p>Der SV-Aspekt in abgeschw\u00e4chter Form steckt auch hinter dem Funktionalit\u00e4tsanspruch von Techniken, hinter der Frage und dem Anspruch, ob die Technik eigentlich prinzipiell funktionieren kann, ob sie eben anwendbar ist \u2013 gegen wahrscheinliche Angriffe physisch \u00fcberlegener Gegner. Dieser Funktionalit\u00e4tsgedanke hat nun eine weitere Implikation, die sich auch auf das Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis auswirkt. Ein solches ist der Definition nach asymmetrisch, beinhaltet Abh\u00e4ngigkeiten und steht immer an der Grenze zum Missbrauch. Die Frage der Funktionalit\u00e4t von Techniken aber ist keine Frage der Erfahrung, sondern in erster N\u00e4herung eine Frage von Physik und Anatomie\/Physiologie. Das in Details der Ausf\u00fchrung erhebliches Erfahrungswissen steckt, dass die Perfektion der Ausf\u00fchrung keineswegs eine rein rationale Angelegenheit ist, sondern eben Bewusstseinszust\u00e4nde, Emotionen, implizites und explizites Prinzipienverst\u00e4ndnis (technisch und (erfahrungs-)philosophisch) erfordert, ist dabei unbestritten. Dennoch hat dieser Aspekt der Funktionalit\u00e4t, der in SV-Techniken in besonderer Deutlichkeit sichtbar wird, einen Einfluss auf die Beziehung zwischen Lehrer und Sch\u00fcler, auf die Natur des Verh\u00e4ltnisses. Dieses wird in gewisser Weise liberalisiert, weil der Gegenstand rational verhandelbar ist\/wird und damit einen Diskurs erfordert oder ernsthaft erm\u00f6glicht. Ob man dies als Belastung oder Entsch\u00e4rfung verstehen will, ist wohl eine Frage der gew\u00e4hlten Perspektive. Der Einfluss aber ist Folge der thematischen Hinwendung zu Funktionalit\u00e4t oder SV.<\/p>\n<p>Also <em>These 3: Der in der SV auf die Spitze getriebene Gedanke der Funktionalit\u00e4t beeinflusst in nicht unerheblicher Weise die Natur des Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnisses.<\/em><\/p>\n<p><strong>Anstelle einer Zusammenfassung oder eines Schlusswortes <\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich mir jetzt so eine Mango vorstelle, dann ist das Fruchtfleisch f\u00fcr uns genie\u00dfbar (wom\u00f6glich ein Genuss), der Kern eignet sich allerdings weniger zum Essen. Aus dem Kern kann, in geeignete Erde gepflanzt und versorgt, eine neue Mangopflanze wachsen. Die n\u00e4chste Generation Menschen wird wohl aber sicherlich auch wieder das Fruchtfleisch bevorzugen. So wie mit dem Kern und dem Fruchtfleisch scheint es mir mit SV und Karate als Kampfkunst zu sein. SV ist f\u00fcr uns nicht wirklich genie\u00dfbar, aber ohne Kern keine Frucht. Wenn der Kern nicht weiter gegeben\/eingepflanzt wird, kann auch keine Pflanze zur Bl\u00fcte und Reife gelangen. (Danke Dinah \u2013 f\u00fcr dieses wichtige Aspekte treffende Gleichnis.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Folgende ist weder vollst\u00e4ndig, noch sonderlich gut strukturiert oder gewichtet. Insbesondere ist es keineswegs der Versuch, dem Thema SV in Theorie oder Praxis gerecht zu werden. 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