{"id":964,"date":"2014-09-09T13:23:44","date_gmt":"2014-09-09T11:23:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ku-germany.de\/wordpress\/index.php\/?p=964"},"modified":"2014-12-27T23:46:41","modified_gmt":"2014-12-27T22:46:41","slug":"%e7%a4%bc-rei-karate-meets-knigge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ku-germany.de\/wordpress\/?p=964","title":{"rendered":"\u793c &#8211;\u00a0rei :: Karate meets Knigge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Etikette im Karate? Naja, die verbeugen sich da st\u00e4ndig und den Chef vons Janze sollste Sensei nennen. Schon anhand dieses einleitenden Satzes d\u00fcrfte klar werden, dass das hier eine eher subjektive, unsystematische und ganz und gar nicht vollst\u00e4ndige oder auch nur vorl\u00e4ufig abschlie\u00dfende Behandlung des Themas wird &#8230;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nobody is too big to be courteous, some are too little.<br \/>\n(R. W. Emerson, 1803-1882)<\/p>\n<\/blockquote>\n<h2>Grundwissen<\/h2>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"168\"><strong>kanji\/romaji<\/strong><\/td>\n<td width=\"292\"><strong>\u00dcbersetzung<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"168\">rei \u793c<br \/>\no \u304a rei \u793c<br \/>\n(h\u00f6fliche Form)<\/td>\n<td width=\"292\">\u793c \u2013 Dank, Dankbarkeit \/\/ Sitte, Etikette \/\/ Verbeugung \/\/ Belohnung, Geschenk \/\/ Zeremonie, Ritual<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"168\">rei \u793c shiki \u5f0f<\/td>\n<td width=\"292\">\u5f0f \u2013 Gleichung, Formel, Ausdruck \/\/ Zeremonie \/\/ Stil<br \/>\n\u793c\u5f0f \u2013 Etikette, Sitte<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"168\">rei \u793c gi \u5100<\/td>\n<td width=\"292\">\u5100 \u2013 Zeremonie \/\/ Sitte<br \/>\n\u793c\u5100 \u2013 Sitte, H\u00f6flichkeit, Etikette<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"168\">rei \u793c h\u014d \u6cd5<\/td>\n<td width=\"292\">\u6cd5 \u2013 Gesetz, Handlung, Prinzip \/\/ Methode<br \/>\n\u793c\u6cd5 \u2013 Etikette, H\u00f6flichkeit, Sitte<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"168\">reigi \u793c\u5100 sah\u014d \u4f5c\u6cd5<\/td>\n<td width=\"292\">\u4f5c \u2013 Arbeit (z.B. in der Kunst), Produktion \/\/ Ernte, Anbau \/\/ Landwirtschaft, Ausbeute, Ertrag \/\/ Technik<br \/>\n\u793c\u5100\u4f5c\u6cd5 \u2013 Etikette, H\u00f6flichkeit<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h1 style=\"text-align: justify;\"><\/h1>\n<h2 style=\"text-align: left;\">Etikette und Kampfkunst<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etikette im Karate? Naja, die verbeugen sich da st\u00e4ndig und den Chef vons Janze sollste Sensei nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etikette scheint also in dieser ersten Begriffsn\u00e4herung eine Ansammlung von Verhaltensweisen zu sein. Man kann sich der Sache rekonstruierend von au\u00dfen n\u00e4hern, dann ist diese Ansammlung eine Deskription, eben eine Beschreibung des vorgefundenen Verhaltens. Man kann sich der Sache von innen als (beginnender) \u00dcbender n\u00e4hern, dann handelt es sich eher um eine Normierung, um eine Ansammlung von Vorschriften sich zu verhalten. Etikette hat also eine normative Seite, die immer dann ins Bewusstsein r\u00fcckt, wenn man sich in Konflikt mit derselben befindet oder meint zu befinden. Sie hat aber eben auch eine Seite, die sich am besten mit \u201eso ist es in dieser Gruppe\u201d beschreiben l\u00e4sst, etwas Etabliertem, einer gelebten Umg\u00e4nglichkeit, die mehr oder weniger reflektiert daher kommt. Dieser Gegen\u00fcberstellung stehen jede Menge weitere Perspektiven zur Seite, aus denen man auf Etikette schauen kann bzw. aus denen heraus sich Fragen \u00fcber Etikette formulieren lassen. Auf eine dieser Perspektiven wird im Folgenden n\u00e4her eingegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorab sei als <strong>Arbeitsdefinition<\/strong> festgelegt:<\/p>\n<blockquote><p>Etikette ist eine Ansammlung von Verhaltensweisen\/ -regeln oder Ritualen, die Interaktionen in einer Gruppe bestimmen oder (stark) beeinflussen.<\/p><\/blockquote>\n<h3 style=\"text-align: left;\">Etikette oder der Versuch einer formalisierten Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Selbstvervollkommnung des Menschen, die Entwicklung seiner Anlagen, das Aussch\u00f6pfen seines Potenzials, die Aufgabe etwas aus sich und seinem Leben zu machen (hier ist ausdr\u00fccklich nicht die Rede von \u00fcberbewerteten Titeln oder Geld), die Herausforderung morgen besser zu sein als heute, etwas zu tun, dass es Wert ist getan zu werden ist der (Karate)\u00fcbung inh\u00e4rent. Ob man es wei\u00df oder nicht, ob man es will oder nicht und auch ob man etwas daf\u00fcr tut oder nicht &#8211; Karate\u00fcbung ist Selbstentwicklung, auch f\u00fcr denjenigen, der es als Sport versteht, als Zeitvertreib oder Fitness. Die Frage ist nur, wie sich die vermeintliche \u00dcbung auf das eigene Sein\u00a0auswirkt, welche (Teil-)Entwicklungen gef\u00f6rdert, welche ausgebremst werden \u2013 bewusst oder unbewusst g\/beachtet oder ung\/beachtet bleiben. Man kann sich ein halbes Leben lang mit Karate als \u00dcbung besch\u00e4ftigen und glauben, dass die Aufgabe der Selbstvervollkommnung ausschlie\u00dflich die eigene Person betrifft, dass daf\u00fcr Arbeit an sich selbst, durch sich selbst und f\u00fcr sich selbst gemeint ist &#8230; allein das ist ein Irrtum &#8230; mindestens solange nicht anerkannt wird, dass es Teil der Entwicklung und Aufgabe des Menschen ist mit der Welt verbunden ein Ganzes zu bilden oder \u2013 weniger esoterisch \u2013 die Eingebundenheit in diese Welt anzuerkennen und zu achten. (Dass die Welt nicht nur die soziale Umwelt ist und dass die Idee auf der Hand liegt, auch gegen\u00fcber unserer sonstigen belebten und unbelebten nat\u00fcrlichen Umwelt eine Art Etikette einzuf\u00fchren, wird hier ignoriert.) Auf sich allein gestellt, bleibt der Mensch eine unerf\u00fcllte Versprechung. Die Aufmerksamkeit f\u00e4llt damit auf eigenes Verhalten zum Wohle der Menschheit oder \u2013 weniger gro\u00dfspurig \u2013 zum Wohle einer Gruppe bzw. ihrer Mitglieder. Aber wie verh\u00e4lt man sich zum Wohl der Gruppe? Aus meiner Sicht so, dass jeder und jede er und sie selbst werden und eben \u00fcberhaupt werden, nicht bleiben (!), kann. Allgemeiner verbreitet ist dieser Gedanke in Form des I. Kant zu geschriebenen g\u00e4ngigen Zitats \u201eDie Freiheit des Einen endet dort, wo die des Anderen beginnt\u201c oder wer es mit O. W. Holmes konkreter mag \u201eThe right to swing my fist ends where the other man&#8217;s nose begins.\u201c (Der Verlauf dieser Grenze muss vage bleiben und ist leider nicht einfach so zu finden, wie es das Zitat von Holmes impliziert.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etikette versucht nun Werte (z.B. auch Freiheit) in Teilziele zu zerlegen und diese wiederum in Handlungen und Verhalten zu \u00fcbersetzen, also zu operationalisieren im eigentlichen Sinne des Wortes (verrichtbar zu machen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Einw\u00e4nde oder Bedenken: Kann das gelingen? Muss es nicht genau besehen scheitern? Sind nicht Werte mehr als die Summe von Verhaltensweisen? Ist das nicht nur Tarnung f\u00fcr Hierarchiebildung oder \u2013erhalt, f\u00fcr Etablierung und Aufrechterhaltung von Macht? Muss es nicht automatisch zu einer Schleimerei, einem Verlust an Wahrhaftigkeit und Kritik(f\u00e4higkeit) kommen? Diese Liste an Fragen ist ganz sicher fortsetzbar &#8230; und letztlich muss jede(r) eine eigene Antwort finden. Es folgen zwei Punkte, die mir so wichtig erscheinen, dass ich sie doch aufgeschrieben wissen will \u2013 vielleicht nur um in einem Jahr \u00fcber ihre Unzul\u00e4nglichkeit zu l\u00e4cheln.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: left;\">Wie also verhalten sich Verhaltensregeln zu Werten?<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ganz sicher so, dass Werte mehr sind als die Summe aller Verhaltensregeln. Ganz einfach schon deshalb, weil die Anzahl der Situationen bzw. deren Variationen unendlich gro\u00df ist (oder wenigstens so gro\u00df, dass das Erlernen von Verhaltensweisen f\u00fcr jede dieser Situationen die menschliche Ged\u00e4chtniskapazit\u00e4t \u00fcbersteigen w\u00fcrde) und irgendwie wissen wir dennoch, ob eine Verhaltensweise wertkonform ist, ob sie als Hybridprodukt konkurrierender Werte zu deuten ist oder ob es sich einfach nur um eine Verfehlung (im Sinne von den Wert nicht \u201egetroffen\u201c) handelt. Es herrscht also keine Beliebigkeit zwischen Werten und Handeln, aber auch keine eineindeutige Beziehung. Handeln kann in Einklang und\/oder Widerspruch zu einem Wert erfolgen, aber aus einem Wert l\u00e4sst sich noch keine Handlung vorhersagen und aus einer Handlung l\u00e4sst sich nicht auf einen dahinter stehenden Wert schlie\u00dfen \u2013 jedenfalls nicht zwingend, auch wenn wir dies h\u00e4ufig tun und es auch oft gut geht. Der Verweis auf die Psychologie entf\u00e4llt.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: left;\">Die dunkle Seite der Verhaltensregulierung<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite Bemerkung betrifft die beispielhaft aufgez\u00e4hlten Gefahren, die tats\u00e4chlich existieren und h\u00f6chst relevant sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wie immer mit den gr\u00f6\u00dferen und gro\u00dfen Dingen im Leben , eben jenen, die dem Leben (r\u00fcckblickend?) Bedeutung geben. Sie zu unterlassen ist ebenso \u201efalsch\u201c wie sie zu \u00fcbertreiben. Die Dinge, bei denen das nicht so ist, sind wohl Trivialit\u00e4ten und selbst bei denen trifft die Aussage noch zu, nur ist sie hier weniger offensichtlich \u2013 jedenfalls wenn an Ying Yang (In Yo) etwas dran ist. Der hier angef\u00fchrte Gedanke der Balance zwischen \u201eVerg\u00f6ttlichen und Verteufeln\u201c f\u00fchrt etwas konkreter \u2013 die Gegenposition zur Abwendung vom Thema wegen lauernder Gefahren einnehmend \u2013 zu der Frage: Sind wir in der Lage ohne einen \u201eGegenstand\u201c zu lernen? Hilft nicht die Ansammlung von Regeln, unsere Aufmerksamkeit auf sie zu ziehen, einen Fokuspunkt f\u00fcr die eigene Werteentwicklung zu haben, eine Messlatte, einen Sandsack oder eine Herausforderung, woran man sich abarbeiten kann? Was also, eine die Argumentation st\u00fctzende Beantwortung der (eigentlich rhetorischen) Fragen vorausgesetzt, hier entscheidend zu sein scheint, ist die Gewichtung und die Richtung, in der das ganze Projekt \u2013 die Auseinandersetzung mit, Implementierung und Einhaltung von Eitkette \u2013 verfolgt wird. Schl\u00e4gt der Zeiger (der nicht existierenden Balkenwaage) in Richtung Gehorsam und Gruppenkonformit\u00e4t aus, besteht die Gefahr Mitl\u00e4ufer im d\u00f4j\u00f4 anzusammeln und auszubilden. Schl\u00e4gt er umgekehrt in Richtung Selbstbewusstsein, missverstandene Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit im Sinne von Ich-Behauptung aus, besteht die Gefahr, sich an physischer \u00dcberlegenheit Selbstwertgef\u00fchl aufbauende Egozentriker im d\u00f4j\u00f4 anzusammeln. Der Prozess spielt sich in der Zeit ab und das zu findende Gleichgewicht ist kein statisches und kann kein statisches sein. Es ist ein dynamisches, dessen Aufrechterhaltung immer eine Frage der Nachjustierung ist (Menschen kommen und gehen, Zeiten \u00e4ndern sich, Verst\u00e4ndnis \u00e4ndert sich &#8230;), die nicht nur (!) aber eben v.a. moderierend auch dem Chef vons Janze zukommt.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\">What else is new?<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Gesagten klang an einzelnen Stellen schon an<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Etikette bietet Rituale, die an eine bewusste Gestaltung des Umgangs mit anderen appellieren, und dadurch Gelegenheit bieten, den reflektierenden Blick nach Innen zu richten.<\/li>\n<li>Etikette ist eingebettet in ein gesellschaftliches Ganzes, von dem sie sich mehr oder weniger bewusst abgrenzt, aus dem sie sich aber immer auch mehr oder weniger bewusst speist.<\/li>\n<li>Etikette unterliegt damit zeitlichen \u00c4nderungen,<\/li>\n<li>Etikette ist symbolhaltig und \u00fcber den K\u00f6rper auf den Geist wirksam.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aufz\u00e4hlung bietet einige Richtungen, die man weiter verfolgen k\u00f6nnte, ohne einen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erheben. Etikette und ihre Rolle im Karate sind jedenfalls zentral und eine Antwort auf die Frage nach dem was, wie und warum mit fortschreitender \u00dcbungszeit ebenso relevant wie die Frage nach dem was, wie und warum der \u00dcbung an sich. Vielleicht ist das Finden einer (tiefen) Antwort auf die eine Frage nach dem Einen gleichzeitig auch eine Antwort auf die Frage nach dem Anderen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\">Das war&#8217;s &#8230;<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fast am Ende, der Versuch einer verbesserten Defintion.<\/p>\n<blockquote><p>Etikette ist eine Ansammlung von Verhaltensweisen\/ -regeln oder Ritualen, die erdacht und ausgef\u00fchrt werden, um die Interaktion eines Menschen mit sich und seiner Umwelt positiv zu beeinflussen.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend noch die Feststellung, dass weder das Vorhandensein von Etikette noch das Einhalten derselben an sich eine Qualit\u00e4t darstellt. Entscheidend ist vielmehr die Haltung des Ausf\u00fchrenden. Nicht das Ritual oder dessen Einhaltung z\u00e4hlt, sondern die dahinterstehende Werthaltung und Motivlage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u2013 Einschr\u00e4nkung oder verstehensnotwendiger Rahmen von \u4e0d\u8a00\u5b9f\u884c &#8211; fugen jikk\u014d?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small><small>Entstanden ist dieser Text aus Anlass eines theoretischen Seminars im KU Germany Sommercamp 2014, das unter dem Motto stand \u4e0d\u8a00\u5b9f\u884c &#8211; fugen jikk\u014d &#8211; Not words, deeds!<\/small><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etikette im Karate? Naja, die verbeugen sich da st\u00e4ndig und den Chef vons Janze sollste Sensei nennen. 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