McCarthy Hanshi in Dresden, 10./11. Juni 2017

Seit Jahren nichts neues … 

so die Kernaussage eines Gesprächs mit McCarthy Sensei am Rande eines Kushanku Seminars in Dresden … Er rede doch seit Jahren das Gleiche, seine Seminarvorträge (seminar lectures) sagen doch im Prinzip immer seit Jahren ein und das selbe … Ja, tun sie irgendwie und nein, tun sie ganz und gar nicht …

Ca. 90 karate-ka haben sich an diesem WE, trotz verschiedener anderer Karateveranstaltungen in der Stadt, zu einem Kurztrip in die Welt der Kushankun entschieden, Ablauf und omote-Anwendungen am Samstag, ein „Anexplorieren“ dessen was man als ura bezeichnen könnte am Sonntag. Neben den kleinen technisch-physischen Dingen, die man immer findet und die einen mehr oder weniger ent-setzen und dadurch die schon immer gleichen Dinge anders sehen lassen, waren es diesmal vor allem Senseis Worte, die mir klar werden ließen, dass Innen- und Außenperspektive nicht identisch sein müssen und gelegentlich auch nicht sein können, dass es eines jener gedanklichen Grundmuster ist, die sich hier artikulieren. Gebunden an japanische Kultur schlägt sich das in den Begriffen honne (本音, das Wahre, Echte Innere, wörtlich: das Geräusch oder der Ton (音) des Wirklichen, Wahren (本)) und tatemae (建前,Maskerade, wörtlich: das davor oder zuvor (前) gebaute (建) ) nieder. Und verweist auf die große Diskrepanz zwischen sozial Erwünschtem und Gefordertem und dem individuell Gewünschten.  Karate ist kata und kata ist karate, das eine Kern des anderen und dieses wiederum ein Mikrokosmos der Gesellschaft, in der es sich entwickelte. Kein Wunder also, dass sich auch im Karate oder mit Bezug auf die kata eine technische Entsprechung findet, die mit den Begriffen omote (表,Oberfläche, Außenseite) und ura (裏, Rückseite, andere Seite) beschrieben wird.

Für diejenigen, die das erste Mal auf einem McCarthy-Semianr waren (und es gab wohl einige) lag die Aufmerksamkeit vermutlich woanders.  Sie waren vielleicht damit beschäftigt, einen für 25 min angekündigten, sich auf 50 min ausdehnenden Vortrag in ihr Bild eines Karateseminars zu integrieren oder damit, das innere Ringen um Aufmerksamkeit nicht auf der Außenseite sichtbar werden zu lassen, weil das ja unhöflich wäre … Auf der anderen Seite oder irgendwo dazwischen, die jährlich wiederkehrenden Besucher, die bei der Ankündigung eines Vortrages in eine bequemere Sitzposition wechselten, vielleicht abschalteten oder die sich breit machend freudige Erwartung registrierten, von einem Sprichwort, einer Maxime (諺, kotowaza) zur nächsten zu springen oder sanft geleitet zu werden.

Wenn man die verwendeten Sprichworte als Indikatoren heranzieht, lässt sich über die Jahre hinweg sicher ein Weg nachzeichnen, der einen Wandel (in welchem Sinne auch immer – Erweiterung, Präzisierung, Akzentuierung, Verschiebung etc.) der Inhalte oder genauer der Konstruktion dieser Inhalte durch Sensei sprachlich manifestiert und dokumentierbar macht. Vielleicht dokumentiert diese Wahrnehmung aber auch nur, dass der Autor dieser Zeilen inzwischen anders oder Anderes hört. Wie dem auch sei, Senseis oben geäußerte Innenansicht weist Diskrepanzen zu meiner Außensicht auf seine Vorträge auf. Kant schreibt irgendwo „Gedanken ohne Inhalt sind leer und Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“  Vermutlich haben sich Veränderungen auf allen Ebenen „ergeben“ – die Art über bestimmte Inhalte zu denken, aber auch die Inhalte selbst unterliegen Veränderungen, ihre Einbettung, ihre Bezüge untereinander. Mit Leere haben wir es also ganz sicher nicht zu tun und auch die Begriffe die herangezogen werden fassen verschiedene Dinge verschieden gut und im Laufe der Zeit immer wieder anders … Die Sprichworte erhalten eine zusätzliche begriffsähnliche Funktion. Sie versuchen ein Phänomen zu fassen und zwar nicht explizit zu definieren aber doch zugänglich und greifbar(er) zu machen. Ganz blind sind wir also auch nicht …  Und doch steckt gerade in Ihnen wieder das was mit dem omote-ura-Konzept bezeichnet wird. Insofern eine schöne Entsprechung zwischen Gegenstand und Sprache mit der derselbe erzeugt oder bearbeitet wird.

How you do anything is how you do everything.  In Senseis Fall scheint es mir so zu sein, dass jedes Ding jedes mal anders ist, dass er ganz sicher nicht alle Dinge auf die gleiche Art und Weise tut, ja nicht einmal zweimal ein und dasselbe Ding auf die gleiche Art und Weise tut. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Schritte im KU und den Eindruck  „das geht doch nicht, es muss doch eine richtige Version (wovon auch immer) geben“.  Ziemlich schnell wurde mir klar, dass genau das eine Stärke ist und heute, 20 Jahre später, fühle ich mich an mein damaliges Selbst erinnert, wenn ich auf Seminaren mit der Frage nach der richtigen Version konfrontiert werde. Der Ansatz einer Erklärung wird ganz unterschiedlich aufgenommen. Von einem  unproblematischem Umgang mit der somit nun offiziell erlaubten Spielfreiheit über ein nachdenkliches Abwägen bis hin zu einer deutlichen Abwehrhaltung – sprachlich, körperlich oder/und geistig – reicht das Spektrum. How you do anything is how you do everything. Leidenschaft für die Kampfkunst ist es, die ich in jeder von Senseis Handlungen sehen kann – damals wie heute. Alles andere ist im Fluss, entwickelt sich – und wird jedes mal neu und anders (gemacht), ohne dabei gegen die Prinzipien zu verstoßen, um die man eben in einer Kampfkunst nicht herum kommt. Sie sind es die seit Jahren gleich sind, aber doch immer wieder neu interpretiert werden. Willkommen in der Endlosschleife … in der man irgendwann merkt, dass nicht das Ankommen, sondern das Unterwegs-Sein das Ziel darstellt.

Danke an Hendrik, Felix, Lutz, Christopher, Sascha, Karsten, Enrico und alle anderen die mitgewirkt und -gestaltet haben. Danke an alle deutschen KU-Schüler (und Lennart from Denmark), die es möglich gemacht haben, auch in diesem Jahr von der Quelle aka McCarthy sensei lernen zu können, an all jene Unterstützer, die seit Jahren dabei sind (z.B. Eric, Micha, Hagen) und unabhängig von Stil oder Verband Gedanken, Techniken, Ideen, Werte, Traditionen teilen, an die, die offen genug sind, sich Neuem auszusetzen und über den eigenen Tellerrand zu schauen – egal ob sie beim nächsten mal wiederkommen oder nicht. Danke, sensei!

 

 

Ein Kommentar auf “McCarthy Hanshi in Dresden, 10./11. Juni 2017

  1. Es ist immer wieder erfrischend, das Erlebte im Seminar hier zu lesen… dankbar das selbst Gefühlte, jedoch noch nicht selbst in Worte fassen könnende, greifbarer an dieser Stelle erklärt zu bekommen.
    So jedenfalls aus meiner Schülersicht.
    Auch ich möchte an alle Beteiligten Danke sagen, welche uns unermüdlich die Anwendungen detailliert und spürbar erklärten.
    Danke auch an alle, die dieses tolle Seminar ermöglichten.
    In voller Vorfreude auf das nächste Seminar mit Hanshi und den vielen sehr netten Menschen, welche man dort dann wieder sieht oder kennen lernt.
    Viele Grüße, Micha

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