Nördlich von hier …

… im Land der Seen und Wälder, gibt es nicht nur wunderbare Landschaften, die zum Durchstreifen einladen, sondern auch geübte Kampfkünstler, die zum Lernen einladen. So geschehen am letzten Märzwochenende 2015. Ante Brännbacka hatte Olaf Krey für ein Seminar nach Helsinki eingeladen. Ante und Olaf kennen sich schon seit über 10 Jahren, sie haben gemeinsam den Studiengang zum Kampfkunstlehrer bei Patrick McCarthy sensei belegt. Seit dem nutzen beide jede Gelegenheit um voneinander zu lernen. Leider sind die Gelegenheiten nicht so häufig, wie sie es sich wünschen … Von Ante und Olaf an einem verlängerten Wochenende lernen zu können, ist daher eine Gelegenheit, die Sven und ich uns nicht nehmen ließen. Wir reisten gemeinsam mit Olaf am Vorabend des Seminars an. Da das Seminar erst am späten Vormittag begann, konnten Sven und ich die Zeit am Samstag zu einem ersten Spaziergang durch Helsinki, der uns zum Dojo führte, nutzen. Bei unserer Ankunft öffnete uns ein weiterer angereister Gast die Tür – Andreas Kangur aus Estland. Mit über weiteren 30 Finnen waren wir dann vollzählig für das Seminar, das von Olaf gehalten wurde.

Ich hatte das Glück, die erste Einheit mit Ante üben zu dürfen. Vielleicht war ich auch wieder mal zu langsam … in diesem Fall mit positivem Ausgang. Wir übten Tegumi und den Beginn eines Trapping-Drills, den Ante und Olaf zusammen erarbeitet hatten. Der Vorteil mit jemandem zu üben, der die Übung selbst zusammengestellt hat, ist, dass es keine starre Form wird, sondern eine lebendige Übung bleibt. Damit meine ich, dass das zu Lernende im Vordergrund steht, nicht ein weiterer Ablauf eines Technikdrills. Nach dem Mittag übten wir weiter in der Nahdistanz. Auf das Schlagen folgten Kombinationen mit Takedowns aus einer Clinchsituation. Andreas war hierfür mein Übungspartner, er ist mehr auf meiner Augenhöhe als Ante … und das ist nicht metaphorisch zu verstehen. Nach ein paar abschließenden Runden Bodenarbeit war es Zeit für den speziell finnischen Teil des Seminars – ein Saunaabend. Finne muss man sein …

Am Sonntagmorgen starteten wir früh (auch gefühlt durch die Zeitumstellung auf Sommerzeit) auf der Matte unseren zweiten Seminartag. Diesmal übte ich mit einer Finnin aus Vaasa, was einige Autofahrstunden von Helsinki entfernt liegt. Erstmal ging es wieder um die Clinchposition, bevor wir uns mit Kaishu-waza beschäftigten. Für mich ging es dabei weniger um Technikfolgen, auch nicht um die einzelne Technik als solche. Meine Frage vor dem Seminar und damit mein Übungsfokus war, wie Gleichgewicht, Zentriertheit (i. S. v. innerem Mittelpunkt) und Struktur (i. S. v. [innerer] Körperhaltung) zusammen gehören/passen. Nach Diskussionen am Vorabend war mir zumindest klar, dass es mir noch nicht klar genug war.

Nach einem Seminar liegt die Frage nahe: „Was hast du gelernt?“ … Wozu bist du bis nach Helsinki gereist? Wozu Fragen stellen? Wozu den eigenen Verstand benutzen?

Eine Reise bringt uns (meistens) in Kontakt mit anderen Menschen, deren Bräuche und Sitten, ihren Gedanken(mustern). Ante und Olaf unterrichten auf unterschiedliche Art dieselbe Kunst, jeder aus seiner Perspektive, aus seiner „Fragestellung“ heraus. Gelernt habe ich, dass jeder Unterricht ein Angebot an Lerngelegenheiten ist, was man daraus macht, bleibt einem selbst überlassen. Eine Übung an sich ohne Fragestellung, ohne Achtsamkeit für die Antwort(en), führt nicht weit. Vielleicht beherrscht man so irgendwann einen technischen Ablauf oder auch 16 … aber wozu?

Wozu also Fragen stellen? Wozu den eigenen Verstand benutzen? Weil jede Frage ihre Antwort beinhaltet! Fragen zu stellen, genau zu formulieren, in sich selbst zu lauschen – und dann (dabei) auf dem eigenen Weg vorwärts gehen …

Nach dem Seminar bot sich Sven und mir noch die Gelegenheit für einen weiteren Stadtspaziergang, diesmal in Begleitung von zwei Finninnen, die uns ihre Stadt zeigten. Es war ein schöner Nachmittag, auch wenn der Winter langsam nach Finnland zurückkehrte. Am Montag schneite es dann, was uns nicht von einem Ausflug mit Ante und Olaf in den Nationalpark Nuuksio abhielt. Zoriana stand uns als „Pfadfinder“ zur Seite, sodass wir aus der schönen verschneiten Landschaft auch unseren Weg zurück gefunden haben. Für Olaf hieß es dann am Nachmittag schon wieder Abschied nehmen. Sven und ich nahmen noch am abendlichen Training teil, bevor es dann am Dienstag auch für uns wieder Richtung Heimat ging. Die Reise war ein Erlebnis … nicht allein der Landeanflug auf Berlin bei Sturm. Ich möchte mich bei allen Beteiligten, vor allem bei Ante, Olaf und Sven, für die Reise und die bereiteten Lerngelegenheiten bedanken (und ich danke auch Raija, Claudia und Julia :-)).

 

Nuuksio_2              Nuuksio_1

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