McCarthy Hanshi Seminar 2018 in Dresden oder wieviel Erinnerung braucht der Weg?

Da war er also, mein persönlicher Jubiläumslehrgang. Ganz unaufgeregt und auch unerwähnt, aber wenigstens doch im Nachhinein eine Markierung wert. 1998 war ich das erste Mal auf einem Seminar mit McCarthy Sensei. Es fand bei Stockholm, Schweden, statt, gesponsert von Leif Hermannson, dem Vater von Jesse Enkamp (bekannt durch seinen Blog „Karate by Jesse“). Damals war von dieser Idee vermutlich noch nichts in Jesses Kopf, aber Karate stand für ihn schon damals auf der Tagesordnung. Ein paar Monate zuvor war mein damaliger Lehrer nach Texas geflogen, um den Mann, den er nur durch dessen Veröffentlichungen kannte, unter die Lupe zu nehmen. (Damals waren viele der Übersetzungen McCarthy Senseis auf der Homepage der IRKRS online verfügbar — so viele, dass es Tage dauerte, Sie alle zu lesen und der Ausdruck der Texte und Fotos im A4-Format mehr als einen Aktenordner füllte. Mehr als genug, um das Interesse eines langhaarigen Geradeso-Twens zu wecken, der vom Inhalt angetan, aber eben auch überfordert war, weshalb er die Sache seinem Lehrer übergab, dem es, rückblickend weiß ich das, nicht anders ging.) Die begeisterte Rückkehr aus Texas hatte zur Folge, dass die fortgeschrittenen Übenden eines damaligen Berliner Goju Ryu Dojo mit der Fähre über die Ostsee tingelten und völlig verschlafen zwei unvergessene und richtungweisende Seminartage absolvierten. Von den damals Mitreisenden ist nur noch eine Person aktiv dabei, aber ohne die damalige Atmosphäre der Suche und des „Lernenwollens“ für die alle Beteiligten verantwortlich zu machen sind (Danke, Dirk, Matze, Hanne!), wäre es nie zu dem gekommen was eine unumkehrbare Entscheidung, einige Abschiede und Neuanfänge nach sich ziehen sollte.

Das Seminar thematisierte unter anderem Chokyu kata, quasi die KU Gekki Sai, die ihrer Geschichte wegen ein theoretischer Augenöffner war und mit der ersichtlich anderen (neuen, eigentlich fremden und doch sofort vertrauten) Körperdynamik ein neues Gefühl für Karate und schließlich mit den unterrichteten Anwendungen ein bekanntes aber bis dahin zwar lautstark nachgeplappertes aber wegen Mangels an überzeugenden Beispielen dann doch nie wirklich geglaubtes oder gar gefühltes „Kata-ist-Anwendung“-Mantra zum Leben erweckte. In kurz, nach 48h war nichts mehr wie es vorher war. Viele für wahr befundene Grundüberzeugungen aus der damals noch dünnen Literatur, aber auch aus den bemühten, letztlich aber an (nur unterschwellig eingestandener) Unwissenheit und Unfähigkeit leidenden, empfangenen und geleiteten Übungseinheiten im heimischen Dojo, gingen schlicht über Board und blieben auf dem Boden der Ostsee zurück. Ist die Saat einmal ausgebracht, muss man nur noch warten, was aus ihr erwächst – Ignoranz, Angst, Protektionismus, Abkehr, ein Potential, eine Chance, ein Zugewinn, ein Traum, ein Vorhaben, ein Eingeständnis, eine Aufgabe, ein Anfang, ein Weg … Dabei (de)generiert manchmal das Eine zum Anderen und das Andere zum Einen und erst in der (entfernten) Rückschau wird klar, worum es sich letztlich handelte. Auch deshalb sind Rückschauen so gewinnbringend. Rückschauen brauchen aber Referenzpunkte. Wer nicht gerade regelmäßig Videoaufzeichnungen oder/und sehr detaillierte Notizen anfertigt, z.B. weil er – wie ich – für beides zu faul ist, benötigt solche Referenzpunkte um so mehr. Erinnerungen an die Körperwahrnehmung von damals, die Gefühle und Gedanken, die Werte und Vorstellungen von „richtig“ und „optimal“, die damaligen Antworten auf die immer gleichen Fragen etc. sind wichtig, denn erst dadurch werden Schwierigkeiten, Einschränkungen, Sackgassen, Einbildungen, manchmal auch Ängste oder zumeist innere Entwicklungshindernisse, Grenzen, Fort- und Hinschritte, sichtbar(er). Für mich sind (einige) Seminare solche Referenzpunkte. Selten gelingt es auch besondere Übungseinheiten, die man besucht oder selbst gegeben hat als solche Referenzpunkte wahrzunehmen, in der Regel aber ist die tägliche Übung nicht geeignet, als Anker für weit in der Zukunft liegende Rückblicke zu dienen. So wichtig also die Auseinandersetzung mit der täglichen Übung und das Verbleiben im Moment für die eigene Mikroentwicklung auch sind, auf der Makroebene bedarf es eben herausstechender Referenzpunkte, Erinnerungshilfen, Anker, um sich noch wenigstens aspekthaft im Holzsschnitt der rekonstruierten Erinnerung orientieren zu können.

Mein Jubiläumsseminar fand übrigens in Dresden statt, wie gesagt eher unaufgeregt, ein ganz normales Seminar eben. Auf dem Plan standen Ryūshan und Sakugawa no Kon.

Ryūshan (龍山,„Bergdrachen“) soll zum Repertoire des chinesischen Teehändlers und KampfkunstexpertenWú Xiánguì (japanisch: Go Kenki) gehört haben, der sein Wissen und Könnenvon 1915 bis 1940 in Kumemura an einige Okinawaner vermittelt hat. Zu diesen gehören u.a. spätere Stilgründer wie ChitōseTsuyoshi oder Chōjun Miyagi. Letzterer schuf, offenbar inspiriert durchRyūshan, die für „sein“ Karate zentrale Form Tenshō 転掌,die durch die globale Verbreitung des Gōjūryū und Shitōryū heute zu den bekanntestenKarate-Routinen überhaupt zählt. Wú Xiánguì unterrichtete ebenfalls Hanashiro Chōmo, in dessen Lehrlinie die Form Ryūshan über Kinjō Hiroshi und Richard Kim an Patrick McCarthy weitergegeben wurde. Die korrespondierende Zwei-Personen-Übung Rokkishu 六機手 enthält elementare Anwendungen der Tenshō-Kata und stand ebenfalls auf dem Programm, getreu dem KU-Mantra „Kata ist immer (auch) Anwendung.“

Am Sonntag stand die über Chinen Sanda, Ōshiro Chōjo und wiederum Kinjō Hiroshi tradierte Yamane-Ryu Langstock-Form Sakugawa no kon auf dem Programm. Sie zählt zu den populärsten Bō-Kata des okinawanischen Kobujutsu und soll auf den legendären Meister Sakugawa Kanga zurückgehen. Eine runde Pechin Kumi Bo gehört natürlich immer auch dazu. 

Ca. 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen von nah und fern, Freunde, alte Bekannte und neue Bekanntschaften. Die nächste Gelegenheit für ein Treffen in diesem Rahmen bietet das nächste Seminar mit Hanshi McCarthy, das 2019 wieder in Dresden stattfindet und ein Jubiläumsseminar wird, denn im April 1999 fand das erste Seminar mit McCarthy Sensei in Deutschland statt. Ich freue mich schon jetzt auf euch alle und danke Hendrik Felber Sensei und dem Furyukan Königsbrück für die wieder einmal grandiose Organisation und Durchführung.

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