Hackt’s noch oder ist das schon Riai? — 12. Europäisches KU Gasshuku

Da waren sie wieder, die paar Tage im Jahr nach Himmelfahrt, die Zeit sich sehenden Auges in den Stau zu begeben, in dem Wissen, dass es leider keine Alternative gibt, weil man schließlich dabei sein will … Da war es also, das zwölfte seiner Art und wieder bei den holländischen Nachbarn. Wie immer super organisiert, wenn auch leider mit weniger holländischer Beteiligung als sonst – zum Teil verletzungsbedingt.

Drei volle Tage und ein paar Reststunden, die nur der Übung dienen (plus schlafen (im Zelt – Ich fühle mich da immer noch wie ein Teenager auf seinem ersten Campingtrip durch amerikanische Nationalparks!) und essen). Train, eat, sleep. Repeat.

Ein paar Tage Zeit, um mit Sensei „upzucatchen“, Korrekturen einzusammeln, mal nicht zu unterrichten sondern in der Reihe zu stehen.

Ein paar Tage, um Freunde zu sehen, mit alten Bekannten zu schnacken etc.

Ein paar Tage, in denen ein paar Fahrkarten gelocht werden … in diesem Jahr für die Potsdamer (Tanja, Jan, Andreas (KU Shodan) – verdammt lang hat’s gedauert, aber schön, dass es nun soweit ist!), Sascha (KU Nidan), Andreas R. (KU Sandan) und die drei Musketiere (Dinah, Hendrik, Felix – YR Nidan), Dianh hat offizielle ihre Renshi-Lizenz bekommen. Herzlichen Glückwunsch, zu den manchmal (vermeintlich) spielend leicht, manchmal hart oder härter erarbeiteten Entwicklungen, die euch bis hierhin gebracht haben.

Ein paar Tage für Tokumine no kon – in neuer Version („different lineage“) und tatsächlich schöner, kompakter, einzigartiger – sowie kleinere und größere Spielereien, mit dem Thema Riai Kumite direkt oder indirekt in Zusammenhang stehend.

Riai und Riai Kumite – ein Thema das im KU gerade modern ist. (Ok, mit der Modernität im koryu ist es vielleicht nicht weit her, oder eben doch, weil ja weiterhin gesucht, nicht bewahrt werden soll – natürlich in Kenntnis, gelegentlich mit Bekenntnis, jedenfalls nicht in Un- oder Verkenntnis des vorhandenen „Materials“. Nun ja, das Thema heben wir mal auf, für einen Abend mit besserem Wein und mehr Zeit.) Zurück zum Riai, das es als Thema sogar in die Gasshuku-Broschüre geschafft hat.

In dieser heißt es (Autor spielt keine Rolle): „I see Riai Kumite as the integrated practice of all trainings in a setting that resembles as close as possible the real situation“. Dieser Satz ist es – so weit ich das erkennen kann, der so eine Art Definition für/von Riai Kumite liefern soll. Ein sinnvoller Schritt, denn die Überschrift kündigt an einen „approach for developing Riai Kumite“ vorzustellen. Da wäre es ja sinnvoll zu wissen, was denn eigentlich entwickelt werden soll, nämlich eine integrierte Übung aller Trainings(inhalte?/aspekte?/ziele?). Aha, möchte ich schreiben, aber es kommt mir nicht über die Finger, denn ein Aha-Effekt, bleibt jedenfalls bei mir aus. Vielleicht gelingt es ja mit dem zweiten Teilsatz … das ganze (was auch immer) soll so gerahmt/gestaltet sein, dass es eine realen Situation so ähnlich wie möglich ist. Ok, timeout!

Mit der realen Situation ist wohl eine SV-Situation gemeint und gesucht ist nun also eine Trainingsmethode, die einer solchen Situation möglichst nahe kommt. Will man mal die Möglichkeit des Besuchs einer Rockerbar nach einer durchgemachten Nacht in Begleitung eines zweifelhaften Freundes, der mit erfundenen Geschichten mindestens einen Rocker dazu bringt mich aus dem Hinterhalt anzuspringen ausschließen, dann bleibt es wohl dabei, dass deutlich zu trennen ist zwischen einer realen und einer Traingssituation. Es kann gelingen einzelne Aspekte der realen Situation in die Trainingssituation zu holen, diese Aspekte nachzustellen oder anzunähern, aber es kann nicht gelingen und ist auch kein sinnvolles Training einer Kampfkunst (Achtung: teilweise ist das eine Setzung!) eine SV-Situation möglichst ähnlich zu reproduzieren. Die Aussage ist ohnehin leer, denn die Ähnlichkeitsrelation ist nicht wohldefiniert. Wann ist eine Trainingssituation denn einer SV-Situation ähnlicher als eine andere Trainingssituation? Für einen Aspekt, ein Merkmal, eine Dimension der (ohnehin bereits rekonstruierten Vorstellung einer) SV-Situation ließe sich das vielleicht noch entscheiden, für einen multidimensionalen Vergleich ist das inhaltlich kaum noch sinnvoll zu sagen. Ist eine Situation in der mentale Merkmale nachgestellt werden ähnlicher als eine in der bestimmte physische, räumliche, strategische Merkmale der Situation nachgestellt werden? Wenn überhaupt wäre also zu Fragen, welcher Aspekt jeweils möglichst gut angenähert bzw. welche anderen Aspekte dann gleichzeitig vernachlässigt werden sollen.

Also in kurz, die scheinbare Definition von Riai Kumite ist keine und es verwundert dann auch nicht, dass der Rest des Beitrages wenig Erhellung bringt, sondern auf ein ebenfalls erläuterungsbedürftiges Kompetenzmodell verweist (dessen Zweck – jedes Modell ist zu einem Zweck konstruiert worden, bewusst oder unbewusst – unklar bleibt und dessen Leistungsfähigkeit zu einem zu definierenden Zweck dann noch untersucht und mit Alternativen Modellierungen verglichen werden müsste) und dann die Begriffe „Verification“ und „Validation“ aus dem Qualitätsmanagement ins Spiel bringt um sie als eine Säule neben den weiteren Säulen Integration und Unvorhersehbarkeit teils als Weg hin zu, teils als Ergebnis von Riai Kumite zu etablieren oder vorzuschlagen.

Hackt’s noch oder war da eine Art flow im Spiel als das geschrieben wurde? Flow und Riai sind schwer voneinander zu unterscheiden, aber flow hält wohl länger an, denn er ist auf das Individuum bezogen, nicht auf die Interaktion zweier Individuen.

In einer idealen Welt käme jetzt ein nicht ganz kurzer Absatz darüber, was denn nun sinvoll(er) als Riai (kumite) zu definieren wäre. Das muss leider verschoben werden, weil ich schon so nicht mit den Einträgen hinterherkomme.

Die Deutschen Teilnehmer*innen am EU Gasshuku 2019.

In jedem Fall hat es sich auch 2019 gelohnt nach Holland zu fahren und ich freue mich schon jetzt auf den 13. Durchgang in 2020. Bis dahin immer schön fluffig bleiben und die „Prinzipien harmonisieren“ … 😉


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